K211 Relativierung der Arbeitsgesellschaft oder kriegsähnliche Zustände in immer kürzeren Zeitabständen?
Zu einer angesichts der Corona-Krise verschärft sich stellenden Grundfrage

4. April 2020

Infolge der Corona-Krise ist die Arbeitsgesellschaft in grossen Teilen Europas und der Welt zu erheblichen Teilen heruntergefahren, sind die Schulen weitgehend geschlossen und haben fast nur die lebenswichtigen Einkaufsläden (Lebensmittel, Apotheken) geöffnet. Die Menschen arbeiten wo immer möglich im sog. Home Office und die Kinder lernen im sog. Home Schooling. Im besonders schwer betroffenen Italien sowie dem schweizerischen Kanton Tessin steht das Geschäfts-, Ausbildungs- und Freizeitleben praktisch vollständig still. Zugleich wird in den Institutionen, die für die Unterstützung, Betreuung und Lebensrettung erkrankter Personen zuständig sind, auf Hochtouren gearbeitet.

Dieser Kommentar beschäftigt sich mit der folgenden Grundfrage: Lernt die Menschheit aus der Corona-Krise und findet sie den Weg zur längst überfälligen Relativierung der Arbeitsgesellschaft, das heisst zur Rücknahme von deren exzessiven, enorme soziale Verwerfungen nach sich ziehenden exzessiven Naturbeherrschung? Oder: Lernt die Menschheit aus der Corona-Krise genau nicht, macht nach deren Überwindung unverdrossen weiter wie bisher, nimmt dafür kriegsähnliche Zustände in immer kürzeren Zeitabständen in Kauf?

Es handelt sich dabei selbstredend um eine grosse Frage, deren Beantwortung zwangsläufig auf Spekulation beruht. Es scheint freilich so zu sein, dass solche Spekulationen in jetziger Zeit – und zwar zum Zweck einer sinnvoller Verarbeitung der Krise – überaus angezeigt sind. Sie haben wesentlich auch mit gesellschaftlicher Ursachenforschung zu tun.

Der unbeherrschten Natur verdanken die Menschen ihr Leben und generell ihre Lebendigkeit. Der unbeherrschten Natur 'verdanken' die Menschen freilich auch Krankheiten wie Virus-Erkrankungen und das Herunterfahren von Vitalfunktionen im höheren Alter, den natürlichen Tod. Der bestehenden Arbeitsgesellschaft fehlt das Bewusstsein für die enorme Bedeutung sowohl für die positiven als auch für die (relativ) negativen Momente der unbeherrschten Natur. Es hat übrigens – in Klammern gesagt – sein durchaus Gutes, dass die Menschen nicht unsterblich sind. Der sich jetzt einstellende Schock vieler Menschen über die schlagartig heruntergefahrene oder in weiten Teilen eingestellte Arbeitsgesellschaft hängt mit dieser fehlenden Sensitivität für die unbeherrschte Natur unmittelbar zusammen. Die Menschen glauben, mit der Arbeitsgesellschaft und all dem darin Produzierten liesse die Natur umfassend sich beherrschen und müsse sich so auch beherrschen lassen. Was jetzt geschieht, hat in ihrer Vorstellung zunächst gar keinen Platz. Es wird innerhalb der exzessiv naturbeherrschenden Arbeitsgesellschaft ja auch – ohne allzu grosse Übertreibung gesagt – am Ziel des unsterblichen Menschen und also der vollkommenen Beherrschung der Natur intensiv gearbeitet. Wird an diesem allmächtigen Glauben gerührt – wie es jetzt mit der Corona-Krise geradezu objektiv der Fall ist –, dann sind die Menschen zuerst einmal vor den Kopf gestossen.

Es gibt die von Virologen und Epidemiologen entwickelte Formel der einen Krankheit (one health). Darunter wird verstanden, dass bestimmte Erkrankungen von Menschen wie insbesondere Virus-Erkrankungen einen engen Zusammenhang mit Erkrankungen von Tieren aufweisen und dementsprechend als eine Krankheit aufzufassen sind. Bei Covid-19 handelt es sich bekanntlich um ein von Tieren auf Menschen übergesprungenes Virus, dem es gelingen kann, das Immunsystem von Menschen zu überwinden. Eine These dazu besagt, dass massive Eingriffe der Menschen in die Natur wie beispielsweise die Abholzung von Urwäldern dazu führen, dass stark virentragende Tiere wie die Fledermäuse nicht nur näher an die menschliche Zivilisation und deren Nutztiere heranzurücken gezwungen sind, sondern sie dabei auch grösserem Stress ausgesetzt sind. In der Folge reproduzieren sie mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit krank machende Viren, die für andere Tiere und insbesondere auch Menschen lebensgefährlich sind. Wenn diese These zutreffend ist, wäre nicht nur für die Klimaerwärmung, sondern auch für das Corona-Virus davon auszugehen, dass es sich um ein in letzter Instanz Menschengemachtes handelt. Auch Covid-19 wäre dann als das Resultat einer die Naturbeherrschung exzessiv betreibenden Arbeitsgesellschaft aufzufassen.

Auf die enorme Problematik exzessiver Naturbeherrschung – hier dann mit direktem Bezug auf die innergesellschaftlichen Negativfolgen – ist von der kritischen Theorie bereits im letzten Jahrhundert hingewiesen worden. In der Dialektik der Aufklärung formulierten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1944 den Satz: Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Damit ist gemeint, dass die besinnungslos betriebene, von der Menschheit als ihren eigentlichen Triumph verbuchte naturbeherrschende Aufklärung selber es ist, welche eben diese Menschheit in ein dann eben triumphales Unheil stürzt. Das Unheil resultiert daraus, dass die unbeherrschte Natur – die als solche unabdingbar für die Lebendigkeit der Menschen ist – von der alles beherrschen wollenden Menschheit rücksichtslos unterdrückt wird. Und kaum dass die unbeherrschte Natur revoltiert oder – wie Sigmund Freud es ausdrückte – das Verdrängte wiederkehrt, schlagen die Menschen, und zwar schliesslich mit dem pathologischen Eifer von Rechtsradikalen, erst recht auf alles als unbeherrscht Erscheinendes ein. Sie wollen umso mehr die totale Herrschaft, je mehr sie unbewusst verspüren, dass eine solche nicht zu haben ist.

Diese – dann wahrhaft als reaktionär zu bezeichnende – Reaktion lässt sich bereits an jüngsten, von repressiven Regierungen und Unternehmen erlassenen Massnahmen unter vordergründiger Bezugnahme auf die gegebene Corona-Krise feststellen. So gibt es Regierungen und Unternehmen, die autoritär den inneren Notstand ausrufen, sie dieses aber nur sehr bedingt in Bekämpfung der Pandemie tun – die Pandemie wird wesentlich vorgeschoben –, sondern um die Bevölkerung respektive die Mitarbeitenden dazu zwingen zu können, sich in erst recht besinnungsloser Weise für den in der Krise vielleicht sogar (infolge geringerer Konkurrenz) noch besser möglichen Gewinn- und Herrschaftszuwachs der Regierung oder der Firmenbesitzer/-leitung aufzuopfern, dieses auch sogar noch digital überwacht. Jede Krise bringt immer auch Krisengewinnler hervor, in den Regierungen, in den Konzernen, in den Universitäten usw. Und diese Krisengewinnler sind dieselben, die sich nie einen Deut um die allgemeine Gesundheitsversorgung oder die allgemeine soziale Absicherung der Bevölkerung geschert haben. Sie sehen solches egozentrisch einzig immer nur unter dem Titel anwachsender Steuern und dadurch als sie selber tangierend.

Die Corona-Pandemie wurde nicht zufällig von denjenigen Menschen, die sich punkto Selbsterhalt am blindesten auf die Arbeitsgesellschaft und die damit eng verknüpfte Pendel-, Freizeit- und Tourismusindustrie stützen, am stärksten unterschätzt. Sie sagten sich: 'Die Arbeitsgesellschaft sichert mich in jedem Fall ab und solange ich mich gehorsam an deren Regeln und deren Trott halte, kann mir – und es geht ja nur um mich und meine Leistung und mein Salär – nichts passieren.' Eine derart besinnungslose Einpassung in die Arbeitsgesellschaft wird insbesondere von neoliberal Denkenden fälschlich gerne als selbstverantwortliches Handeln bezeichnet: Verantwortlicher Erhalt des Selbst durch besinnungslose Einpassung in die Arbeitsgesellschaft. Tatsächlich hatten viele der in diesem Sinn selbstverantwortlich handelnden Menschen auch dann noch ohne jede Vorsichtsmassnahme für ihre Firma weiter gearbeitet, als die von Covid-19 ausgehende Gefahr längst bekannt war. Sie reisten weiterhin zwischen den Zentren dieser Welt hin und her, trafen sich weiterhin zu Meetings, besuchten Massenveranstaltungen und feierten Feste in mondänen Winterkurorten wie Ischgl (dem 'Ibiza der Alpen') oder Verbier, zwei vom Virus in der Folge besonders stark betroffenen Orten. Sie fügten sich entgegen allen Warnsignalen hörig selbstverantwortlich der besinnungslos-naturbeherrschenden Arbeits- und Lebenswelt, und verbreiteten genau damit Covid-19 in Windeseile. Diese die Arbeitsgesellschaft prägende, fälschlich als Selbstverantwortung angeschaute Haltung erwies schlagartig sich als Trug. Und solcher Trug kommt vielen Menschen dank der Corona-Krise und der durch diese eröffnete Möglichkeit, für einmal aus Distanz auf die Arbeitsgesellschaft zu schauen, jetzt vielleicht in einem allgemeineren Sinne zu Bewusstsein.

Wirkliche Selbstverantwortung oder auch Mündigkeit besteht nicht in einem blinden Erfüllen arbeitsgesellschaftlicher Vorgaben, sondern in einem Verantwortung auf alle Seiten hin wahrnehmenden Hinschauen, Prüfen und Entscheiden, dieses immer auch mit Blick auf die Betroffenheit aller Beteiligten, das heisst insbesondere mit Blick auf deren Mündigkeit und deren Lebendigkeit. Bei einer offiziellen Corona-Warnung bedeutet dies namentlich, dass man bestimmte Arbeiten in Teams, Gruppen oder Massen von Leuten, eben weil dieses eine Ansteckungsgefahr in sich birgt, vermeidet, und solche Arbeiten auch gegen die anders lautende Anordnung des Vorgesetzten verweigert. Eine solche Verweigerung ist zugegebenermassen nicht einfach, sie wird jedoch richtig erschwert erst durch die Art und Weise, wie mit entlassenen respektive arbeitslos gemachten Menschen von Seiten der ebenfalls jenem falschen Begriff von Selbstverantwortung anhängenden Behörden umgegangen wird. Sie werden von den Behörden nämlich sofort zu verantwortungslosen Versagern abgestempelt, obwohl sie in Wirklichkeit das genaue Gegenteil sind. Diesbezüglich könnte es jetzt zu Lerneffekten kommen.

Es ist darauf hinzuweisen, dass viele Menschen schon vor der Corona-Krise aufgrund der ihnen in der Arbeitsgesellschaft abverlangten Enteignungen und Entmündigungen die Konsequenzen gezogen, die vorgeschriebenen Arbeiten – und zwar völlig zu Recht – verweigert haben:

Wie viele Pflegefachleute gaben in den letzten Jahren ihre Arbeit auf oder traten diese schon gar nicht erst an (verschenkten ihre ganze Ausbildungszeit), weil sie die von ihnen geforderte so genannte Effizienz nicht mehr aushielten, es ihnen nicht mehr möglich war, ein im weitesten Sinn soziales Verhältnis zu den von ihnen betreuten Patientinnen und Patienten aufzubauen?

Wie viele Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kündigten ihre Stelle beim Sozialamt oder traten diese schon gar nicht erst an (verschenkten ihre ganze Ausbildungszeit), weil sie den gefordert repressiven Umgang mit den zu betreuenden Menschen nicht mehr mittragen konnten, es ihnen verunmöglicht wurde, im eigentlichen Sinne des Wortes sozialarbeiterisch tätig zu sein?

Wie viele Lehrerinnen und Lehrer haben ihren Beruf aufgegeben oder schon gar nicht erst angetreten (verschenkten ihre ganze Ausbildungszeit), weil sie den von Seiten der Arbeitsgesellschaft ausgeübten Druck zu ökonomisierter Bildung nicht an die Schulkinder weitergeben wollten, sie keinen Raum mehr fanden für eine zu wirklicher Mündigkeit erziehenden Bildung?

Alle diese Menschen hatten subjektiv der objektiv bitter nötigen Relativierung der exzessiv naturbeherrschenden Arbeitsgesellschaft bereits vor der Corona-Krise Rechnung getragen, mussten dafür sicherlich vieles in Kauf nehmen, haben für sich in der Folge aber hoffentlich zu einem lebendigeren Leben gefunden. Jetzt, in der Corona-Krise, erhalten viele Menschen die Gelegenheit, ihrem üblichen Arbeitstrott nicht nachzugehen, diesen aber auch nicht gleich mit kompensatorischen Arbeiten oder den üblichen Ferien (die obligate Osterreise ins Tessin kommt glücklicherweise nicht in Frage) zu ersetzen. Das führt sie selbst individuell wohl häufig in eine Sinnkrise und auch in Verzweiflung (vgl. zur Verzweiflung insbesondere Kommentar K207), aber wenn sie – anstatt, wie es leider eben auch vorkommt, durchzudrehen – daraus zu neuen Einsichten und also zu Selbstbesinnung finden, wäre es phantastisch.

Schön wäre es, wenn die Menschen – gerade auch infolge der Corona-Krise – plötzlich stark wieder an sinnerfüllter, lebendiger Arbeit interessiert wären und dafür auch kämpfen würden. Und noch schöner wäre es, wenn sie dazu ihre Arbeitsstellen nicht aufgeben müssten, sondern sie an den Arbeitsstellen selber – um bei den gemachten Beispielen zu bleiben – ein soziales Verhältnis zu den Patientinnen und Patienten aufbauen, in wirklich stützender und helfender Weise auf armutsbetroffene Menschen zugehen, den Schulkindern eine ihrer Mündigkeit förderliche Erziehung zukommen lassen könnten. Es könnte aus der Corona-Krise ein echter gesellschaftlicher Fortschritt erwachsen.

Aber hier spricht ja wohl der Träumer, der – um es mit dem Dichter Wilhelm Müller zu sagen (in Zitierung aus dessen Gedicht: Frühlingstraum) – Blumen im Winter sah.