K212 Wenn grundlegende Widersprüche als nicht beseitigbare wirklich bestehen
Zu einer in der Erkenntnis festzuhaltenden Erkenntniskritik

18. April 2020

In Philosophie und Sozialwissenschaften ist immer wieder auf grundlegende Widersprüche hingewiesen worden, über deren Natur in der Folge gestritten wurde. Der berühmteste ist wahrscheinlich der von Sigmund Freud in Das Unbehagen in der Kultur benannte Widerspruch zwischen der Kultur oder der Zivilisation auf der einen Seite und dem Lustprinzip oder der Libido auf der anderen Seite. Herbert Marcuse sprach im Anschluss daran im Titel seines gleichnamigen Buchs kurz von Triebstruktur und Gesellschaft, in der englischen Version von Eros and Civilization. Ebenfalls im Anschluss an Freud sprachen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung davon, dass die Aufklärung selber ein Widerspruch oder gar – die Ausweglosigkeit betonend – eine Aporie darstelle. Adorno spricht in seiner Vorlesung zu den Philosophischen Elementen einer Theorie der Gesellschaft davon, dass das individuelle menschliche Dasein und das gesellschaftliche menschliche Dasein einander widersprechen. Im Anschluss an die kritische Theorie wäre auf den Widerspruch zwischen dem Selbsterhalt der Menschen und der Bewahrung ihrer Lebendigkeit hinzuweisen. In eine ähnliche Richtung weist der Widerspruch zwischen beherrschter und unbeherrschter Natur, zwischen der von Menschen gedachten Sache und der Sache selbst. Alle diese Widersprüche scheinen auf einer ähnlichen Ebene zu liegen, sind zumeist aber auch nicht ganz deckungsgleich.

Der übliche Reflex besteht darin, diese Widersprüche, wenn sie als solche überhaupt akzeptiert werden, sofort als beseitigbar zu deklarieren und festzustellen – wie es wesentlich ja die 68er machten –, dass die Gesellschaft diese Widersprüche längst schon hätte beseitigen sollen. Was aber ist, wenn – was die so Kritisierenden sich offenbar gar nicht vorstellen mögen – diese Widersprüche zur Menschheitsgeschichte und zum menschlichen Leben unablösbar dazu gehören und sich überhaupt nicht beseitigen lassen? Und was wäre, wenn die ganzen Probleme und Konflikte, welche die Menschen sich immer aufs Neue einhandeln, weniger von diesen Widersprüchen herrühren als vielmehr davon, dass die Menschen besinnungslos immer aufs Neue versuchen, sie zu beseitigen, sie zugunsten der einen Seite des Widerspruchs aufzulösen?

Was bedeutet es für die Erkenntnis, wenn die angedeuteten Widersprüche als nicht beseitigbare wirklich bestehen? Eine besondere Methode von Theodor W. Adorno, der von der Existenz solcher Widersprüche ausging, bestand darin, bei der Lektüre von Werken anderer AutorInnen weniger auf logische Widersprüche zu achten als vielmehr darauf, ob die in einem Werk von dessen AutorIn selbst entweder nicht bemerkten oder offen gelassenen Widersprüche sich auf solche unbeseitigbaren Widersprüche in der Wirklichkeit zurückführen lassen. Indem Adorno nachweist, dass der vermeintliche logische Widerspruch zu Recht besteht, also gar kein logischer ist, sondern von einem in der Wirklichkeit selbst bestehenden Widerspruch herrührt, gelingt es ihm nicht nur, den jeweiligen Autor oder die jeweilige Autorin vor dem Vorwurf, einen logischen Widerspruch begangen zu haben, zu retten, sondern mit den AutorInnen zugleich eben auf jene Widersprüche hinzuweisen.

In der oberflächlich betrachteten Philosophie wird die Widerspruchslosigkeit als bedeutsames Prinzip des Erkenntnisvermögen angesehen, ja, das widerspruchslose Argumentieren nicht selten sogar als Philosophie überhaupt erst akzeptiert. Gemäss Adorno – wesentlich im Anschluss an Hegel – hätte die Philosophie genau davon sich aber loszumachen, und eben auch bei der Lektüre der alten PhilosophInnen von der blossen Fahndung nach logischen Widersprüchen sich loszumachen:

… und dass es eigentlich zunächst einmal überhaupt die härteste Zumutung ist, die die Philosophie an uns stellt, dass wir eben davon (von der Forderung der Widerspruchslosigkeit) uns freimachen; und dass Sie infolgedessen mit Recht von mir verlangen, dass ich an dieser Stelle nun wirklich Ihnen erkläre, warum ich so vorgehe, wie ich vorgehe, – und nicht in irgendeiner anderen Weise. Der Grund, das Motiv, das mich im tiefsten dazu vermag, dieses Verfahren zu wählen, ist kein anderes als das, dass es uns ja keineswegs garantiert ist, dass die Sache selbst, die wir denken, widerspruchslos sei. Würden wir diese Voraussetzung machen, dass sie das ist, so hätten wir damit in der Tat bereits eine philosophische Vorentscheidung von unendlicher Tragweite getroffen, die nicht dadurch harmloser wird, dass sie im allgemeinen, wenn wir auf solche Widerspruchslosigkeit der Erkenntnis drängen, uns nicht bewusst ist. Wir hätten nämlich darin bereits stipuliert, wie eine Art von Klausel in einem Testament aufgestellt, gesetzt, dass die Realität selber, dass das, worauf unsere Erkenntnis geht, mit unserer Erkenntnis selbst identisch ist; in letzter Instanz: dass sie in unserer Erkenntnis bruchlos aufgeht. Wir hätten damit gewissermassen die Lösung eben des Erkenntnisproblems – wie es uns nämlich überhaupt möglich sei, ein Wirkliches zu erkennen – bereits präjudiziert, indem wir vorentschieden hätten: die Wirklichkeit ist mit uns identisch. Denn nur wenn das zu Erkennende und das Erkennende miteinander eins sind, dann können wir uns vorstellen, dass die Erkenntnis widerspruchslos gerät; dass alle Widersprüche in der Einheit unserer Vernunft deshalb sich schlichten, in der Einheit des logischen Gedankens deshalb versöhnt werden, weil das, was wir erkennen, vorweg selber dieser Einheit unseres eigenen Denkens gehorcht. Und eben diese Klausel können wir, will es mir scheinen, nicht voraussetzen; im Gegenteil: unsere gesamte Erfahrung – die lebendige, die sogenannte vorwissenschaftliche sicher noch mehr als die in gewisser Weise bereits zugerichtete wissenschaftliche – nötigt uns dazu, gerade an dieser Voraussetzung, an dieser Präsupposition zu zweifeln.
(Adorno, Theodor W. (1959): Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1959). Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Ders.: Nachgelassene Schriften. Herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv. Abteilung IV: Vorlesungen Band 4. Fr.a.M.: Suhrkamp 2001: S. 128f., Hervorhebung im Original)

Will im Erkenntnisvermögen die Forderung der Widerspruchslosigkeit nicht – wie hier von Adorno gefordert – aufgegeben, sondern – wie es der positivistischen Normalität entspricht – durchgehalten sein, dann will damit auch die Welt als eine widerspruchsfreie durchgesetzt, darf gar nicht erst mit nicht beseitigbaren Widersprüchen gerechnet werden. In diesem Fall stellt das Erkenntnisvermögen sich auf die eine Seite des Widerspruchs, um die andere Seite unschädlich machen und so den Widerspruch beseitigen zu können. Wenn es demgegenüber zutreffend ist, dass der Widerspruch gar nicht beseitigbar ist, kann ein solcher mittels Erkenntnisvermögen unternommener Versuch seiner Beseitigung gar nicht gelingen, sondern er mündet stattdessen – reaktionär – in die aus der Menschheitsgeschichte sattsam bekannten Kaskaden von Gewalt.

Die Einsicht, dass grundlegende Widersprüche als nicht beseitigbare wirklich bestehen, macht das Erkenntnisvermögen oder die Vernunft sofort bescheidener oder vielmehr selbstkritischer. Die Vernunft, die in einem ersten Schritt immer auf Identität mit der Sache aus ist, weiss, dass sie mit dieser gesetzten Identität nicht richtig liegt, nimmt sich zugunsten des von ihr notwendig Negierten zurück, wird – in Respektierung des nicht beseitigbaren Widerspruchs – selbstkritisch. Sie kritisiert die eigene Erkenntnis und hält ihre Erkenntniskritik in der Erkenntnis fest. Auf diese Weise macht sie sich die Widersprüche bewusst – bis hin zu demjenigen zwischen Leben und Tod –, vermag sie auf diese Weise und ohne Beseitigungsversuch – was ja eben gar nicht geht –, aufzuheben. Ja, es hat auch mit Verzweiflung zu tun (vgl. dazu Kommentar K207).