K215
Zwei Arbeitsformen:
Arbeit zum Selbsterhalt / Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit
(1. Teil)

6. Juni 2020

Es wäre zwischen zwei Formen von Arbeit zu unterscheiden, der Arbeit zum Selbsterhalt und der Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit.

Die Arbeit zum Selbsterhalt entspricht dem allgemein vorherrschenden Begriff von Arbeit. Es ist diejenige Arbeit, mit der einerseits lebenserhaltende Güter und Dienstleistungen wie Nahrungsmittel, Kleider, Wohnraum, medizinische Unterstützung, soziale Arbeit usw. produziert bzw. geleistet werden, andererseits Geld verdient wird, um den Kauf dieser Güter und Dienstleistungen zu ermöglichen. Allerdings ist es so, dass es für viele Menschen, die die Arbeit zum Selbsterhalt verrichten, damit dann doch nicht oder nicht richtig reicht, sich zu erhalten. Hier dann erfüllt die Arbeit zum Selbsterhalt nicht einmal den vorgegebenen Zweck. Auf diesen der Arbeit zum Selbsterhalt immanenten Widerspruch kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Erwähnt sei nur, dass er mit der diese Arbeitsform kennzeichnenden Naturbeherrschung unmittelbar zu tun hat.

Im Zentrum dieses Kommentars soll die These stehen, dass das Leben der Menschen exzessiv von der ersten Arbeitsform, der Arbeit zum Selbsterhalt, dominiert wird und von dieser die zweite Arbeitsform, die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit, ganz an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird. Die Dominanz der ersten Arbeitsform führt dazu, dass den Menschen der Erhalt ihres Selbst zwar mehr oder weniger gut gelingt, ihnen dabei aber, da die Gesellschaft sich darum nicht oder zu wenig kümmert, die Entfaltung von Lebendigkeit abhanden kommt. Es läuft dann darauf hinaus, dass man materiell zwar gesichert und auch versichert ist, man sich dafür aber derart in einem Vakuum zu bewegen hat, dass man gar nicht mehr lebendig leben kann. Der Preis für den Selbsterhalt besteht darin – überspitzt gesagt –, bereits im Leben schon tot zu sein. Theodor W. Adorno sprach vom Selbsterhalt ohne Selbst.

Die zweite Arbeitsform, die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit bezieht sich nicht auf die Produktion eines lebenserhaltenden Gutes oder einer lebenserhaltenden Dienstleistung, sondern auf die Entfaltung von Lebendigkeit innerhalb des als erhalten angenommenen Lebens selber drin. Es ist ungeheuer schwierig anzugeben, woran Lebendigkeit sich konkret bemisst, was sich damit erklärt, dass es sich bei dieser Lebendigkeit um etwas den Menschen unwillkürlich von aussen Zufallendes handelt. Das Entscheidende an dieser zweiten Arbeitsform, der Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit, besteht darin, die Bedingungen für dieses unwillkürliche Zufallen von Lebendigkeit zu schaffen, wobei nie sicher ist, ob den Menschen aus dieser Arbeit Lebendigkeit dann wirklich auch zufällt.

Während die erste Arbeitsform, die Arbeit zum Selbsterhalt, wesentlich eine auf Naturbeherrschung abzielende Arbeit darstellt, stellt die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit wesentlich eine die unbeherrschte Natur verlockende Arbeit dar. In beiden Arbeiten bedarf es der Vernunft: In der ersten Arbeitsform bedarf es der naturbeherrschenden Vernunft, in der zweiten Arbeitsform bedarf es der die naturbeherrschende Vernunft zugunsten der möglichen Entfaltung von Lebendigkeit kritisierenden Vernunft. Indem der Vernunft selber immer ein naturbeherrschend-identifizierendes Moment zukommt, muss es sich bei der in der zweiten Arbeitsform in den Vordergrund tretenden Vernunft um eine handeln, die wesentlich sich selber zu kritisieren vermag, das heisst um eine selbstkritische Vernunft.

Mit diesen Begriffsbestimmungen wird unmittelbar an die kritische Theorie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno angeknüpft. Diese kritisiert wesentlich ja, dass die Vernunft im Rahmen der so genannten Aufklärung zum Zweck des Selbsterhalts der Menschen dazu tendiert, sich gegen die die Vernunft anwendenden Menschen selber zu verkehren. Es werde im Rahmen des angestrebten Selbsterhalts nämlich dasjenige übergangen – wie es bei Adorno wörtlich einmal heisst –, was da überhaupt erhalten werden soll, die Lebendigkeit der Menschen nämlich. Um das zu vermeiden bedürfe es einer aufklärenden Kritik der Aufklärung und hinsichtlich Vernunft einer selbstkritischen Vernunft. Was explizit bei Horkheimer und Adorno noch nicht zu finden ist, ist die hier vorgenommene Übertragung ihrer Einsichten auf den Arbeitsbegriff.

Dem wäre beizufügen, dass die kritische Theorie von Horkheimer und Adorno im hier angesprochenen Punkt der – wenn man so will – positiven Bezugnahme auf die unbeherrschte Natur – von kritischer Theorie zumeist einfach als Natur bezeichnet –, die sich unwillkürlich bemerkbar machen können soll, über die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx wesentlich hinausgegangen ist. Karl Marx hatte mit seinem Arbeitsbegriff, hierbei ganz Kind der grossen Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, einzig Naturaneignung und damit Naturbeherrschung im Sinn (vgl. dazu insbesondere Kommentar K101), deren Erträge dann – und darum ging es ihm zentral – gerecht und insbesondere gerechter als in der bestehenden Gesellschaft unter den Menschen zu verteilen seien. Die Bedeutung der unbeherrschten Natur als solcher für ein lebendiges Leben erkannte Marx noch nicht, sondern sie wurde erst von Horkheimer und Adorno – nicht zuletzt unter Einfluss von Sigmund Freuds Unbehagen in der Kultur – richtig eingesehen und hervorgehoben. Daran wird hier angeknüpft: Arbeit hat sich demnach nicht nur beherrschend auf Natur, sondern im selben Ausmass und gleichsam diese rettend auf unbeherrschte Natur zu beziehen – die Menschen sind selber wesentlich ja auch unbeherrschte Natur.

Die Menschen benötigen beide Arbeitsformen, nicht nur die Arbeit zum Selbsterhalt, sondern – im Wissen darum, dass der Vergleich sich nicht quantifizieren lässt – im selben Ausmass die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit.

Es soll hier nicht etwa die zweite Arbeitsform, die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit gegen die erste Arbeitsform, die Arbeit zum Selbsterhalt ausgespielt, sondern umgekehrt Kritik daran geübt werden, dass in der gesellschaftlichen Realität in Permanenz die erste Arbeitsform gegen die zweite ausgespielt wird. Wer sich beispielsweise als Lyriker auf die zweite Arbeitsform konzentriert, wird rasch als nutzlos für die Gesellschaft abgestempelt (vgl. dazu das Gedicht von Hans Magnus Enzensberger mit dem Titel Die Visite, besprochen und wiedergegeben in Kommentar K148). Beide Arbeitsformen sind relevant für das Leben der Menschen, für ihr Überleben einerseits, für ihre Lebendigkeit andererseits.

Die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit ist wesentlich die Sache von Kunst und Philosophie. Dabei allerdings sollen Kunst und Philosophie möglichst breit und gerade nicht akademisch gefasst werden. Einen Blumenstrauss zusammenzustellen und ihn im Wohnzimmer an einer bestimmten Stelle zu platzieren, oder ein Bild zu malen oder auszusuchen und zu hängen, ist auch Kunst oder eben Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit. Ein Gespräch mit jemandem über Gott und die Welt zu führen oder sich auch nur für sich mit dem in einem Buch aufgeworfenen Sachverhalt auseinanderzusetzen, ist auch Philosophie oder eben Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit. Am Stammtisch in der Beiz kann genauso gut Kunst oder Philosophie betrieben und damit Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit verrichtet werden wie in der Kunstakademie oder im Philosophieseminar. Der Schriftsteller Peter Bichsel hat mit Nachdruck darauf hingewiesen.

Damit ist auch gesagt, dass die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit im Gegensatz zur Arbeit zum Selbsterhalt immer auch zur Nichtarbeit hintendiert. Oft merkt man gar nicht, dass man bei der Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit wirklich arbeitet, was damit zu hat, dass diese Arbeit selbst ein Moment der zu eröffnenden Lebendigkeit darstellt oder darstellen kann. Dazu gehört allerdings auch die Möglichkeit des Scheiterns respektive die Feststellung, dass man trotz all dieser Arbeit oder auch Nichtarbeit jenes Ziel, damit die Bedingungen für ein – wie momenthaft immer – Zufallen von Lebendigkeit zu schaffen, nicht oder noch nicht erreicht hat, oder auch nur glaubt, nicht oder noch nicht erreicht zu haben. Die Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit ist dadurch jedenfalls, dass sie zur Nichtarbeit hintendiert, nicht eine leichtere, und schon gar nicht unter den gegebenen Bedingungen, wo – wie gesagt – alles von naturbeherrschender Arbeit zum Selbsterhalt dominiert ist. Das wissen alle expliziten Künsterlnnen und PhilosophInnen, welche dieser Arbeit und immer auch Nichtarbeit in Entfaltung von Lebendigkeit mit Vorsatz sich widmen. Sie ist für sich gesehen enorm schwer, freilich ganz anders schwer als die selbsthaltende Arbeit. Auch darauf hat Peter Bichsel immer wieder hingewiesen.

Möglicherweise hat die Corona-Krise dadurch, dass sehr viele Menschen ihrer gewohnten Arbeit nicht mehr nachgehen konnten oder ihr in neuer Weise nachgehen mussten – und es handelt sich hierbei vor allem ja um Arbeiten zum Selbsterhalt –, die Menschen aufmerksam gemacht auf Arbeiten in Entfaltung von Lebendigkeit, nicht zuletzt auch dadurch, dass noch die selbsterhaltenden Arbeiten unter Corona stärker mit dem Privaten und damit allenfalls Lebendigeren, Spontaneren sowie auch Nichtarbeit verknüpft waren. Die Frage, wo das eigene (lebendige) Selbst und das (lebendige) Selbst der anderen in der selbsterhaltenden Arbeit noch vorkommen, stellte sich unter Corona jedenfalls stärker, und damit dann eben die Frage nach der Arbeit in Entfaltung von Lebendigkeit. Dank der Corona-Krise könnte es zu einem Aufbruch in der Arbeitsgesellschaft (Tobias Studer) in Richtung von mehr Arbeit respektive Nichtarbeit in Entfaltung von Lebendigkeit gekommen sein.

Dieser Kommentar wird in vierzehn Tagen mit einem 2. Teil fortgesetzt ...